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Wienerisches DIARIUM.

Nr. 87, 31. Oktober 1722

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[1]

Madrid 29. September.

DEr letztens von Rom abgereisete
Portugesis Card. Acunha, wel=
cher
seinen Weg zu Lande durch
Franckreich nach Lisbon genommen / ist
den 21. dieses zu Balsain angelanget /
alwo er noch denselbigen Tag bey Jh=
ren
Königl. Majestäten zum Hand=
Kuß
gelassen worden; der Cardinal
von Borgia tractirte ihn in Gesellschaft
unterschiedlicher anderer Herren zu Mit=
tag
/ welche denselben nachgehends die
Gebäue / und Manufacturen von Gran-
ja
zu besehen herum führten; nach die=
sem
nahmen Jhre Eminentz das Nacht=
Lager
zu Segovie, von dannen sie sich
den 23. nach dem Escurial verfügten /
alwo sie nachdeme dieselbe jenes präch=
tige
/ und grosse Gebäu betrachtet / bey
dem erstgebornen Printzen / und dessen
Frau Gemahlin gleicher Gestalten zum
Hand=Kuß gelassen wurden; den 24.
kehrten Jhre Eminentz in diese Stadt
zuruck / und nahmen ihre Wohung in
dem Pallast des Portugesisch⟨en⟩ Bott=
schafters
.

Jgre Maiestät der König haben dem
Herrn Thomas Nuñez Flores, Cano-
nico Pœnitentiario der Dom=Kirchen
von Salamanca die zu Rom vor die Cro=
ne
von Castilien erledigte Stelle des
Auditors di Rota verliehen.

Nachdeme der Staats=Secretarius Marche-

se Grimaldo den 17. dieses von Balsain wie=
der
zuruck gekommen / hat er alsogleich dem
Holländischen Secretario Herr Ham auf seine
einige Täge zuvor übergebenes Memorial we=
gen
deren aufgehalten Moren zu Cadix die
nachfolgende Antwort zugeschicket.


DEmnach Jhre Majestät der König die
Vorstellungen / welche ihr den 5. die=
ses
wegen Verweigerung dessen / daß man
die den 20. Junii von der Holländischen
Escadre gefangen genommene Mohren zu
Cadix nicht habe wollen ausschiffen / und
verkauffen lassen / schriftlich übergeben ha=
bet
/ sich gehorsamnst haben vortragen las=
sen
/ Jhre Majestät auch dieselbe in milde=
ste
Erwegung genommen / so haben höchst=
besagte
Jhre Majestät entschlossen / dem
General=Gouverneur jener Stadt Befehl
zuzuschicken / daß er die Verkauffung ge=
meldter
Mohren nicht allein geschehen las=
sen
/ sondern zu deselben vielmehr noch be=
hülflich
seyn solle / ohne den geringsten Ein=
trag
/ oder Hindernus hierin zu thun / al=
so
daß der Contre Admiral Grave nach sei=
nem
Wolgefallen damit disponiren möge.
Balsain den 17. Sept. 1722.

Montpelier 28. Sept.

Man geniesset nunmehro überall ei=
ner
erwünschten Gesundheit: zu Mende
hat man albereits seither 35.Tagen her
keine Krancke mehr gehabt / und gehet
die so wol in besagter Stadt / als in
allen anderen Oerteren angefangene
Aussäuberung der Häuser / und Effe-
ct
en
zu Ende.

Es seynd auch nunmehro albereits 4.

[2]

und ein halber Monat verflossen / daß
man in keinen angesteckt=gewesenen Ort
einige Krancke gehabt hat; ja die meh=
resten
seynd alschon ein gantzes Jahr
lang davon befreyet / also daß wir der
zuversichtlichen Hofnung leben / daß das
mit der Provintz von Languedoc eröf=
nete
Commercium von keiner gefährli=
chen
Folge seyn werde / und geschiehet
es nur zu einer überflüssigen Vorsorge /
daß die an denen in Verdacht gewese=
nen
Oerteren gemachte Linien noch er=
halten
/ auch anbey so scharf / als wann
die Seuche noch in ihrer höchsten Wut
wäre / verwahret werden.

Von Avignon wird berichtet unterm
14. dieses / daß den 10. sich zwar ein
der Seuche nicht unähnlicher Zufall bey
dem Tod eines jungen Knabens ereig=
net
hat / welches aber mehreren Theils
des Unvernunft des Vatters / so bey
Ausführung einiger alten Lumpen den
Knaben in den Karren / wo vermutlich
verdächtig / und Seuche=fähige Sachen
gewesen / gesetzet hat / zugeschrieben
wird. Diesen aber ungeachtet wird
versichert / daß sothane Begebenheit
von keiner bösen Folgerung seyn werde;
und solle die Aussäuberung der Stadt
den 12. October seine Endschaft errei=
chen;
ein selbiges geschiehet auch in al=
len
anderen Flecken / und Oerteren be=
sagter
Grafschaft.

Marseille 24. September.

Die alhier angefangene Aussäube=
rung
der Häuser gehet glücklich von stat=
ten
/ und thun wir von einer anstecken=
den
Seuche nicht das geringste mehr ver=
spühren
. Die seither 2. Jahren her
hieher geschickte Medici, Wund=Artz=
ten
/ und andere Hülfs=Personen / seynd
endlichen den 22. dieses in einer Anzahl
von 70. Personen von hier wiederum

weggereiset / immassen weder dahier /
noch in anderen angesteckt=gewesenen
Oerteren etwas Pestilentzialisches mehr
verspühret wird.

Londen 13. October.

Es ist nicht nur der Graf von Orre=
ry
/ sondern auch der Lord North und
Gray über Hochverraht in den Tour
gesetzet worden / und wiewolen die Ge=
malin
des letzteren die Regierung mit=
telst
einer überreichten Bitschrift um
Erlaubnus gebeten / ihren Ehe=Herrn
unter solcher Restriction, so man ihr
vorschreiben würde / zu besuchen / so
zweifelt man doch / daß ihr solche wird
gegeben werden.

Der ebenfals gefangen sitzende Ad=
vocat
Laire wurde gestern wol 5. Stund
lang vor einem Committé des Rahts
unterfraget / da er dann / wie man sagt /
aufs neue eine ausführliche Entdeckung
in Ansehung der letztern vorgewesenen
Conspiration wider den König / und
seine Regierung solle gethan haben / und
hat man unter dessen Schriften ein Pa=
tent
vom Prætendenten gefunden / wor=
innen
er von diesem zu seinem Groß=
Canzler
erkläret ist. Dieses Advoca=
ten
Frau / welche zwey Staats=Boh=
ten
gefänglich hier eingebracht / ist auch
schon verschiedene mal durch einen
Stats=Secretarium examiniret worden.

Von dem Land seynd auch wieder 2.
Edelleute / und ein Prediger von der
Englischen Kirche gefangen anhero ge=
bracht
/ und unter die Verwahrung ver=
schiedener
Staats=Botten gesetzet wor=
den
. Nachdem die Anzahl der Staats=
Gefangenen
in dem Tour sehr groß ist /
so hat der Gouverneur dieser Festung /
Graf von Carlisle / dem Major / Ker=
ckermeister
/ und denen Wachten anbe=
fohlen
/ ihre Pflicht wol in acht zu neh=

[3]

men. Die Cavallerie hat auch Ordre /
so lang in dem Lager in Hideparc stehen
zu bleiben / bis ihnen ein anderer Be=
fehl
zukommen werde. Jndessen fän=
get
man an / in der Stadt Westmün=